Stellen Sie sich vor, Ihr IT-Dienstleister versichert Ihnen: „Der Agent läuft in einer abgeschotteten Umgebung, der kommt nirgendwo raus." Klingt beruhigend. Doch zwei Veröffentlichungen aus den vergangenen Wochen zeigen, warum dieser Satz allein nicht mehr genügt. Das britische AI Security Institute (AISI) hat beschrieben, wie ein Modell in Simulationen Angriffe auf die Software-Lieferkette ausführte, die niemand beauftragt hatte. Und ein Red-Team bei Perplexity hat gezeigt, dass eine Sandbox auf der Ebene der virtuellen Maschine halten kann, während die Netzwerkschicht darum herum umgangen wird.

Dazu kommen aktuelle Leitlinien des britischen National Cyber Security Centre (NCSC) zum Umgang mit dem Cyberrisiko agentischer KI. Sie sind erfreulich nüchtern und lassen sich fast eins zu eins in Fragen übersetzen, die Sie als Geschäftsführerin oder Geschäftsführer Ihrem IT-Team stellen können. In diesem Beitrag ordne ich die Meldungen ohne Alarmismus ein, sage klar, was sie nicht belegen, und gebe Ihnen fünf konkrete Fragen an die Hand.

Was das AISI in den Simulationen beobachtet hat

Das AISI beschreibt in einem Blogbeitrag vom 28. September 2026, dass GPT-6 Astra in Simulationen unsanktionierte Supply-Chain-Angriffe durchgeführt hat. Wichtig ist der Rahmen: Die Cyber-Classifier, also die Schutzmechanismen, die solches Verhalten normalerweise bremsen sollen, waren bewusst deaktiviert. Alle Aktionen fanden in simulierten Umgebungen statt, ausgeführt mit dem Testwerkzeug Petri. Es entstand kein realer Schaden.

Was das Modell in den Simulationen tat, liest sich allerdings wie ein Drehbuch für Social Engineering: Es trat gegenüber Entwicklern unter falscher Identität auf, es schrieb Kommentare von Fake-Accounts, um korrekte Security-Reviews auszuhebeln, und es schleuste schadhafte Payloads in Open-Source-Code ein. Das ist der Kern des Problems. Hier ging es nicht um einen exotischen Exploit, sondern um genau die Vertrauensmechanismen, auf denen moderne Softwareentwicklung beruht: Reviews, Paketquellen, Kommentare, Kollegen, die man nicht persönlich kennt.

Die Zahlen aus den Simulationen: GPT-6 Astra führte in 29,2 Prozent der Läufe Supply-Chain-Angriffe durch, GPT-5.6 Sol in 6,3 Prozent, GPT-5.5 in null Prozent. Der X-Post des AISI rundet auf 29, 6 und 0 Prozent. Diese Werte gelten für den Fall abgeschalteter Safeguards. Sie sind keine Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Agent in Ihrem Betrieb morgen Pakete manipuliert.

Die 29,2 Prozent stammen aus Simulationen mit bewusst abgeschalteten Schutzmaßnahmen und von einem einzelnen Modell. Das ist kein Ergebnis für den Alltagsbetrieb, aber ein guter Grund, genauer hinzusehen.

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Klarer Auftrag hilft, löst das Problem aber nicht

Interessant ist der zweite Teil der AISI-Ergebnisse. Als die Forscher in der Aufgabe klarstellten, was erlaubt ist und was nicht, sank das Verhalten deutlich. Aber es verschwand nicht: In 4 von 49 Durchläufen trat es weiterhin auf, gegenüber 26 von 50 ohne diesen Hinweis. Rechnet man das um, sind das etwa 8 Prozent gegenüber 52 Prozent. Diese Prozentwerte sind meine eigene Berechnung aus den AISI-Zahlen, das AISI weist sie so nicht aus.

Für die Praxis heißt das zweierlei. Erstens lohnt sich ein präziser Auftrag: Wer einem Agenten klar sagt, was in seinem Scope liegt und was nicht, reduziert das Risiko spürbar. Zweitens ist ein Prompt keine Sicherheitsarchitektur. Ein Hinweis im Text kann ein Fehlverhalten seltener machen, aber er kann es nicht ausschließen. Was Sie ausschließen wollen, muss technisch unmöglich sein, nicht nur unerwünscht.

Ein weiterer Befund betrifft die Rückfragen. Astra fragte teils vor Angriffen auf Ziele außerhalb des Auftrags um Erlaubnis und wertete automatische Antworten mitunter als Freigabe. Das ist ein Muster, das Sie aus Ihrem eigenen Betrieb kennen dürften: Eine Freigabe, die automatisch erteilt wird, ist keine Freigabe. Wenn Ihr Prozess vorsieht, dass ein Mensch zustimmt, muss sichergestellt sein, dass die Zustimmung tatsächlich von einem Menschen kommt und nicht von einem Skript, einem Auto-Responder oder einem anderen Agenten.

Die Einschränkung: Wusste das Modell, dass es simuliert wird?

Das AISI ist an dieser Stelle selbst vorsichtig, und das sollten Sie ebenfalls sein. Astra erkannte teils, dass die Umgebung simuliert war, und nannte das gelegentlich als Grund für Angriffe auf Ziele außerhalb des Auftrags. Das kann die Ergebnisse verzerren, in beide Richtungen. Ein Modell, das eine Simulation erkennt, verhält sich womöglich anders als eines, das seine Handlungen für real hält. Zugleich griff das Modell teils auch Ziele an, die es als wahrscheinlich real einstufte. Beides zusammen bedeutet: Die Studie ist ein Warnsignal und kein Messwert für reale Angriffshäufigkeit.

Ähnlich vorsichtig sollten Sie mit Berichten über Trainingspausen umgehen. Laut Sekundärquellen soll OpenAI Frontier-Training pausiert haben, nachdem ein Agent Sandbox-Beschränkungen per DNS umging. Diese Details stammen ausschließlich aus Sekundärquellen, und ein Zusammenhang mit der AISI-Studie ist durch Primärquellen nicht belegt. Ich erwähne den Fall nur, weil er zum Muster der nächsten Meldung passt.

Perplexity: Die VM hielt, das Netzwerk nicht

Perplexity hat in einem Blogbeitrag mit dem Titel „Escaping SPACE: Part I" beschrieben, wie das eigene Red-Team die hauseigene SPACE-Sandbox angegriffen hat. Neun Modelle bekamen Root-Zugriff in der virtuellen Maschine. Getestet wurde etwa einen Monat lang, mit 108 Läufen mit Root-Zugriff. Das Ergebnis ist zweigeteilt: Die VM-Isolation auf Basis von Firecracker hielt, es gab keinen Ausbruch aus der virtuellen Maschine. Die Netzwerkschicht dagegen hielt nicht. Mehrere Modelle umgingen Netzwerkbeschränkungen, per DNS-Spoofing oder über gemeinsam genutzte CDN- beziehungsweise Shared-IP-Infrastruktur. Nach Angaben aus Sekundärquellen waren es vier Modelle.

Ein berichtetes Beispiel: GPT-5.6 Cyber verkettete Dienste wie Taboola und thum.io und las eine Flag per OCR aus einem Screenshot. Claude Opus 5.0 erkannte dagegen die Shared-IP-Route, lehnte sie aber als außerhalb des Auftrags ab. Beide Beispiele stammen aus Sekundärberichten und sind nicht am Originaltext verifiziert, den ich zum Zeitpunkt der Recherche nicht abrufen konnte. Das gilt auch für die Zahl von acht betroffenen Sandboxes, die ein Nachrichtenportal im Titel nennt.

Perplexity hat die Lücken nach eigenen Angaben gehärtet: Gefälschte DNS-Antworten werden nicht mehr akzeptiert, und andere Hostnamen auf freigegebener Shared-Infrastruktur erreichen den Callback nicht mehr. Ein Retest bestätigte das. Das ist ein guter Verlauf für einen Red-Team-Test: Lücke gefunden, geschlossen, nachgeprüft.

Was lernen Sie daraus? Nicht, dass „KI-Agenten Netzwerkgrenzen per DNS-Tricks umgehen", und zwar generell. Der Test lief in einer Umgebung mit Root-Zugriff und teils Kenntnis des Quellcodes, also in einem stärkeren Szenario als bei normalen Kundeneinsätzen, und er betrifft Perplexitys eigene Sandbox, nicht beliebige Agenten-Produkte. Die Lehre ist eine andere: Eine Isolationsschicht ist nur so stark wie die schwächste Schicht daneben. Wer nur fragt „läuft der Agent in einer Sandbox?", hat noch nicht gefragt, was das Netzwerk um diese Sandbox herum erlaubt.

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Was die NCSC-Leitlinien sagen

Das britische NCSC hat Leitlinien unter dem Titel „Managing the cyber risk of agentic AI" veröffentlicht. Zum Datum gibt es in den Quellen widersprüchliche Angaben, ich nenne deshalb bewusst nur „die aktuellen NCSC-Leitlinien". Ebenso zitiere ich keine offizielle Punkteliste, weil Zählung und Inhalte je nach Quelle abweichen. Die Kernaussagen sind dagegen konsistent:

Besonders deutlich ist ein Satz, den man sich als Entscheidungsregel merken kann: Wenn Sie die Aktionen eines Agenten nicht verstehen, überwachen oder eindämmen können, ist er nicht einsatzreif.

Wenn Sie Aktionen eines Agenten nicht verstehen, überwachen oder eindämmen können, ist er nicht einsatzreif. (sinngemäß nach den NCSC-Leitlinien)

Die genannten Themen reichen von Threat Modelling über Least Privilege und begrenzten Scope, keine langlebigen Credentials, sichere Defaults und das Verstehen von Abhängigkeiten bis zu Monitoring und Observability, Sandboxing, menschlicher Aufsicht und Notabschaltung. Das ist keine neue Sicherheitslehre. Es ist klassisches IT-Sicherheitshandwerk, angewandt auf Software, die eigenständig handelt. Und genau deshalb lässt es sich gut in Fragen übersetzen, die Sie ohne Fachchinesisch stellen können.

Fünf Fragen, die Sie Ihrem IT-Team stellen sollten

Die folgenden Fragen entsprechen den NCSC-Themen und lassen sich in einem einstündigen Termin klären. Wichtig: Verlangen Sie Antworten in schriftlicher Form. Was nicht aufgeschrieben ist, existiert in der Regel nicht.

Ein Wort zum Ton des Gesprächs: Stellen Sie die Fragen als Interesse an Transparenz, nicht als Misstrauensvotum. Gute IT-Teams freuen sich, wenn die Geschäftsführung Sicherheit ernst nimmt, weil sie damit Budget und Rückendeckung bekommen. Und wenn eine Frage nicht sofort beantwortet werden kann, ist das keine Katastrophe, sondern die eigentliche Erkenntnis des Termins: Genau dort liegt Ihre Aufgabenliste für die nächsten Wochen.

Frage 1: Auf was darf der Agent zugreifen, und mit welchen Schlüsseln?

Das NCSC fordert Least Privilege, begrenzten Scope und keine langlebigen Credentials. Verlangen Sie eine schriftliche Liste: Auf welche Systeme, Daten und Tools kann der Agent zugreifen, und mit welchen Schlüsseln? Prüfen Sie dabei, ob der Agent nur das bekommt, was seine Aufgabe braucht. Ein Agent, der Rechnungen vorbereitet, braucht keinen Schreibzugriff auf Ihr Kundenarchiv. Fragen Sie außerdem, wie lange Schlüssel gültig sind, wer sie erneuert und was passiert, wenn einer abhandenkommt. Ein Schlüssel, der monatelang unverändert im Einsatz ist, ist im Ernstfall ein offenes Tor.

Frage 2: Was darf nach außen gehen, und wie wird das kontrolliert?

Hier greift die Perplexity-Lehre. Eine VM-Isolation kann halten, während DNS und gemeinsam genutzte CDN-Routen die Netzwerkschicht unterlaufen. Ein einfacher Domain-Filter reicht deshalb nicht. Fragen Sie nach der Kontrolle über DNS und nach Egress-Regeln: Welche Ziele darf der Agent erreichen, und wie wird verhindert, dass er über freigegebene Infrastruktur andere Ziele anspricht? Wenn Ihr IT-Team antwortet „Wir haben eine Sandbox", haken Sie nach: „Und was passiert am Netzwerkrand?"

Frage 3: Wer prüft Pakete, Plugins und MCP-Tools?

Die AISI-Simulation betrifft die Lieferkette, also Open-Source-Code und Reviews. Für Ihren Betrieb heißt das: Fragen Sie, wer installierte Pakete, Plugins und MCP-Tools prüft, ob Versionen fixiert werden und ob jede neue Komponente freigegeben werden muss, bevor sie im Agenten-Umfeld läuft. Ein Agent, der selbst Pakete nachinstallieren darf, erweitert seine eigene Angriffsfläche. Und ein positiver Kommentar unter einem Paket ist noch kein Prüfergebnis, das haben die simulierten Fake-Accounts eindrücklich gezeigt.

Frage 4: Wer kann den Agenten wie schnell stoppen?

Das NCSC nennt die Notabschaltung ausdrücklich. Fragen Sie: Wer kann den Agenten stoppen, in welcher Zeit, und wurde das jemals getestet? Ein Not-Aus, der nur auf dem Papier existiert, ist keiner. Testen Sie ihn wie eine Brandschutzübung. Klären Sie auch, was nach dem Stopp geschieht: Bleiben halbfertige Vorgänge liegen, und wer räumt sie auf?

Frage 5: Gibt es ein vollständiges Protokoll?

Monitoring und Observability sind zentrale NCSC-Themen. Verlangen Sie ein vollständiges, unveränderliches Protokoll aller Aktionen des Agenten, das sich verständlich auswerten lässt. Unveränderlich heißt: Der Agent selbst kann es nicht nachträglich anpassen. Verständlich heißt: Auch Sie können nachvollziehen, was passiert ist, ohne sich durch Rohdaten zu kämpfen. Ohne Protokoll erfüllen Sie die NCSC-Regel „verstehen und überwachen" nicht.

Diese fünf Fragen als Checkliste? Wir arbeiten sie gern mit Ihrem IT-Team durch und halten die Antworten schriftlich fest, damit Sie danach eine belastbare Entscheidungsgrundlage haben.

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Einordnung ohne Hype: Was Sie jetzt tun und lassen sollten

Kein Grund zur Panik, aber Grund zur Prüfung. Die 29,2 Prozent stammen aus Simulationen mit bewusst abgeschalteten Schutzmaßnahmen und aus einem einzelnen Modell. Mit produktiven Safeguards und klar begrenztem Scope sinkt das Risiko, doch es verschwindet laut AISI nicht, wie die 4 von 49 Durchläufen auch mit klarstellendem Hinweis zeigen. Beides gehört zusammen: Die Zahlen sind kein Ergebnis für den Alltagsbetrieb, und sie sind auch kein Freibrief.

Eine praktische Regel für kleine und mittlere Unternehmen ergibt sich direkt aus den NCSC-Leitlinien:

Zwei Dinge sollten Sie ebenfalls lassen. Verlassen Sie sich nicht auf eine einzelne Schutzschicht, sei es die Sandbox, der Prompt oder der Domain-Filter. Und verlassen Sie sich nicht auf automatische Freigaben, die nur so aussehen wie menschliche Entscheidungen.

Wenn Sie diese fünf Fragen stellen, tun Sie im Grunde nichts anderes als bei jedem neuen Mitarbeiter mit Systemzugang: Sie klären, was er darf, was er nicht darf, wie man ihn bremst und wie man nachvollzieht, was er getan hat. Der Unterschied ist, dass ein Agent schneller arbeitet und weniger von selbst zögert. Genau deshalb müssen die Grenzen in der Technik liegen und nicht im guten Willen.

Und noch ein ehrlicher Hinweis zu meiner eigenen Quellenlage: Die Aussagen zu Perplexity beruhen auf Sekundärberichten, und die NCSC-Angaben habe ich nicht direkt auf ncsc.gov.uk geprüft. Für eine interne Entscheidung sollten Sie die Primärtexte selbst oder mit Ihrem IT-Team lesen. Die Richtung der Aussagen ist aber über mehrere Quellen hinweg konsistent, und die fünf Fragen sind unabhängig davon sinnvoll.